Schwäbische Zeitung

Presseveröffentlichung vom 04.05.2019

Vom Hof übers Rathaus zu den Enkeln

Mit den Wahlen endet die knapp 30-jährige Ortsvorsteher-Ära von Berthold Riether

Von Susi Weber

Niederwangen - Der 26. Mai und die Zeit danach werden für Berthold Riether ganz besondere Tage und Wochen sein. Der dienstälteste Ortsvorsteher der Stadt Wangen wird dann seine letzte Phase im Niederwangener Rathaus einläuten und die Geschäfte nach der Ortsvorsteher-Wahl, etwa Mitte Juli, übergeben. Die Geschichte Berthold Riethers ist die Geschichte eines heute 65-jährigen Niederwangeners, der trotz einer geradezu prädestinierten, beruflichen Qualifikation nie Ortsvorsteher werden wollte. Und dennoch als solcher die Geschichte seines Dorfes knapp drei Jahrzehnte lang maßgeblich mitprägte.

Im Herbst 1984 kam Berthold Riether erstmals in den Ortschaftsrat. In jenem Jahr, als er seiner Frau Annette das Jawort gab, seine berufliche Konzentration wieder mehr der Landwirtschaft gelten sollte und der Landkreis in Riethers unmittelbarer Nachbarschaft Flächen für eine Mülldeponie benötigte. Kurz nach seinem Einstieg ins politische Ortsgremium verstarb völlig überraschend der damalige Ortsvorsteher Anton Beck. Die Augen richteten sich, getreu der Devise „Wir haben ja einen Verwaltungsmenschen“, relativ schnell in Richtung Riether. „Ich habe das abgelehnt. Ich war gerade mal 31 Jahre alt und fühlte mich zu jung. Außerdem ist es ja als „Prophet im eigenen Land“ immer etwas schwierig“, sagt Riether heute im Rückblick.

1989 war es dann soweit

1989, nach fünf Jahren Amtszeit von Ortsvorsteher Alois Hasel, der altershalber aufhörte, war Berthold Riether dann an der Reihe. Drei Jahre zuvor war Riether Vater einer Tochter, 1988 von Zwillingen geworden. Der Hof war gerade modernisiert und rationalisiert. Der Verantwortung wollte sich der junge Familienvater, dem „das Dorf“ von jeher am Herzen lag, dennoch nicht noch einmal entziehen: „Obwohl es nie meine Absicht war, Ortsvorsteher zu werden.“ Riether trat aus einem tiefen Verantwortungsgefühl heraus an - und wurde am 19. Dezember 1989 gewählt.

Politik und Landwirtschaft, Landwirtschaft und Politik - jene beiden Welten begleiteten Berthold Riether auch zu diesem Zeitpunkt schon lange. Im elterlichen Hof in Jussenweiler mit einer jüngeren Schwester aufgewachsen, absolvierte Berthold Riether nach seinem Abschluss an der Niederwangener Schule die Mittlere Reife an der Wirtschaftsschule Wangen. Was die berufliche Ausbildung anbelangte, waren die Eltern laut Berthold Riether „gespalten“: „Wäre es nach meinem Vater gegangen, hätte ich den Hof übernehmen sollen. Meine Mutter meinte, ich solle erst einmal eine Ausbildung machen.“ Die Wahl fiel auf die Verwaltung - in der damals noch unter Bürgermeister Gerd Locher geführten, selbstständigen Gemeinde Schomburg, die 1972 von der Stadt Wangen eingemeindet wurde. Neben der Ausbildung erwarb Riether auch die Fachhochschulreife und besuchte anschließend, im Übrigen zeitgleich mit dem Primisweilener und heutigen Wangener Ordnungsamtsleiter Kurt Kiedaisch, die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung.

Kurzfristig musste der junge Diplom-Verwaltungswirt (FH) wegen eines schweren Unfalls im elterlichen Haus noch einmal zu Hause mit anpacken. Im Frühjahr 1977 folgte dann ein Anruf von Friedemann Weindel, dem damaligen Tannheimer und späteren Kißlegger Bürgermeister, der ihm ein interessantes Angebot unterbreitete. „Von Frühjahr 1977 bis Ende 1985 war ich dann Kämmerer in Tannheim“, fasst Riether zusammen und lobt dabei ausdrücklich seinen damaligen Chef: „Weindel hat mich gewähren lassen. Es war eine tolle und spannende Zeit.“

Der neue Arbeitsplatz brachte auch private Veränderungen mit sich: „In Tannheim lernte ich meine Frau kennen.“ Dennoch pendelte Riether zwischen Tannheim und Niederwangen hin und her. Mit der Heirat musste eine Entscheidung über den Wohnort und auch die berufliche Zukunft her. Riether: „Für mich war klar: Ich bin ein Naturmensch und möchte raus. Und ich will auch nicht ein Leben lang nur in der Amtsstube verbringen. Durch das ständige Sitzen hatte ich bereits gesundheitliche Probleme.“

Das junge Ehepaar entschied sich für die Landwirtschaft, einen damals „mittleren Betrieb“ mit rund 30 Milchkühen und einer ähnlich hohen Zahl an Jungvieh. Eigentlich schien alles in geordneten Bahnen. Bis 1989 dann die Pflicht in der Heimatgemeinde rief. Im Nachhinein spricht Berthold Riether von einer „für mich persönlich guten Geschichte“ und „idealen Kombination“. Fortan bewegte er sich in zwei Welten - jener der Verwaltung und Politik und jener der Landwirtschaft.

Begleitete Riether zu seiner Anfangszeit die kontroverse Diskussion und Entscheidung zur Ortsumfahrung, die sich etwa ein Jahrzehnt hinzog, so waren es in den Nullerjahren vor allem die Sanierungen des Rathauses, der Um- und Anbau der Schule, die Dorfplatz- und Ortskernsanierung, 2012/13 schließlich die Kindergartensanierung, die Niederwangen bewegten. „Ein Höhepunkt für mich war sicherlich auch die 1150-Jahr-Feier im Jahr 2006. Die gesamte Dorfgemeinschaft hat mitgemacht, die Chronik wurde erstellt“, erinnert sich Riether.

In der jüngeren Geschichte setzte Niederwangen auch mit der Radwegeverbindung in Richtung Hergatz und die Erschließung des Baugebietes Knobel III Akzente. Bedauerlich findet Riether, dass es in seiner Amtszeit nicht gelang, die von vielen gewünschten Gehwege zu realisieren: „Bis dato ist leider kein durchgehender Grunderwerb gelungen.“ Als „tragende Säule Niederwangens“ bezeichnet Riether die Vereine, auch ihre Feste, die das Dorf immer wieder zusammengeführt hätten.

Und noch etwas sei wichtig für die Gemeinschaft: gute Wirtschaften, die es laut Riether „in Niederwangen Gott sei Dank noch gibt“. Dankbar ist er auch, dass er im Ortschaftsrat zwar Diskussionen erlebte, weitgehend allerdings gemeinschaftlich und im Sinne des Dorfes gehandelt wurde: „Ich wusste immer: Parteipolitik mache ich hier nicht. Wenn das kommt, bin ich weg.“

Ein Rat an den Nachfolger

Was er seinem Nachfolger mit auf den Weg geben will? „Es braucht das Vertrauen der Bevölkerung und des Gremiums. Alleine macht man hier nichts, sonst steht man alleine auf weiter Flur“, sagt Riether. Und: „Voraussetzung dafür ist, dass sich ein Ortsvorsteher mit der Ortschaft, mit den Bürgern identifiziert und einer von und unter ihnen ist.“ Wichtig ist ihm auch, dass eine bürgernahe Verwaltung erhalten bleiben soll: „Wir sind in Niederwangen gut ausgestattet.“

Den elterlichen Hof haben Annette und Berthold Riether längst zwei ihrer drei Töchter übergeben. Seinen Gemeinderatssitz, den Riether ab 2004 als Nachfolger von Roland Herget innehatte, gab er 2014 bewusst auf, weil er frühzeitig einen Übergang schaffen wollte. Auch den Aufsichtsratssitz bei der Volksbank hat Riether 2015 nach 14 Jahren Gremiumszugehörigkeit freigegeben. Lediglich den Geschäftsführerposten des Zweckverbands Neuravensburger Wasserversorgung, den er seit Anfang 2002 ausübt, wird Riether noch bis 2020 weiter besetzen.

Bei der Frage, was er denn künftig zu tun gedenkt, schließt sich der Kreis: Um die Familie, die in den vielen Jahren unter seiner Abwesenheit auch zu leiden gehabt habe, wolle er sich nun mehr kümmern, den fünf Enkeln im Alter zwischen sieben Jahren und vier Wochen mehr Zeit schenken. Ja, und dann ist da ja noch immer die Hofstelle in Jussenweiler, mit der einst alles begann: „Da gibt es immer etwas zu tun.“

Bildunterschrift: Mitte Juli endet in Niederwangen eine Ära. Nach fast 30 Jahren übergibt Berthold Riether das Amt des Ortsvorstehers. Foto: SWE

Quelle: Presseveröffentlichung | letzte Aktualisierung 23.12.2020

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